Toiletten
Zwanzig Jahre „les toilettes“ von Tomi Ungerer –eine Verbeugung

2005 kam die Stadtverwaltung von Plochingen auf die Idee neben dem Hundertwasserhaus auch Tomi Ungerer Toiletten haben zu müssen. Da die Stadt in der öffentlichen Wahrnehmung eher als industriell genutzter Flusshafen glänzte erhoffte man sich eine Image- Anhebung.
Kurzerhand beauftragte man Tomi mit den Entwürfen und die Firma Marbeton mit dem Gebäude. Vanderkurth, Degen und LoChiatto bauten das Architekturmodell für die Präsentation vor der Öffentlichkeit.
Ungerer sah für die öffentliche Toilettenanlage eine transluszente rosa Kuppel in Form eines göttlichen Arsches vor und verplapperte sich bei der feuchtfröhlichen Pressekonferenz: – „er habe beim entwerfen sich durch das indischen Taj Mahal inspirieren lassen.“ „Tatsch ma Arsch“, witzelte er.

Sofort setzte ein Jaulen und Zetern von Seiten der Einwohner Plochingens mit Migrationshintergrund ein, die sich in ihrer religiösen Ehre tief gekränkt fühlten. Alsbald machten auch die Pietisten böse Mine zum anfangs fröhlichen Spiel. Bemerkten sie doch spitzfindig etwas zeitverzögert die Ähnlichkeit mit einer Ottilienkapelle, wo immer die auch rumsteht. Hatte Tomi gar etwas mit Ottilie?
am 26.Nov 2006 fand im alten Rathaus zu Plochingen eine denkwürdige Veranstaltung statt.Die Presse war zahlreich erschienen und alle waren noch bester Laune. Eine Fotoreportage von Frederik Arnold.
Wer hat eigentlich die Oberhoheit über sakrale Bauten, wo bekanntlich ohne Künstler gar nix geht? Seit wann entscheidet eine kleine Minderheit, wie öffentliche Gebäude aus- bzw. nicht auszusehen haben? Täglich stiegen neue Fragen aus dem Orkus.
Die Wellen schwappten alsbald so hoch, daß sich Ministerpräsident Öttinger im fernen Stuttgart genötigt fühlte zu intervenieren. „Ha, was isch denn bei Euch in Plochingen los??“ Die Stadtverwaltung wollte nun ihrerseits nicht mehr länger warten bis auch noch die letzte religiöse und politische Splittergruppe unter Absingen böser Lieder und mit Helebarden vors historische Rathaus aufmaschiert waren.
-Eiligst musste ein Plan B, respektive ein Plan A, weichgespült her.
Und so setzte Tomi dem Bedürfnistempel eine Klobrillenattika oben auf und einen Klopapier fressenden Drachen an die Wand. – wohl aus Rache.
Durch Übung wurde Tomi Meister
Tomis Entwurf, Farben, das Kamasutra der Frösche und ein leichter Burgunder.
Original Entwurf mit Anweisung
In der Werkshalle MARBETON, Aitrach nach einem anstrengenden Tag MAGENTA.
die fertige Nordseite mit Tomi's Wappentier
Die transluszente Kuppel hätte tagsüber zusammen mit dem rosa Fliesen-Interieur für ein wohliges Befinden gesorgt. Eingebettet in ein KOI Becken.
Nach einem erfrischenden Bad im Froschteich 2006 Aitrach
Sicht: Nordost

Der transluszente GFK Arsch, zwischenzeitlich in Nordrhein Westfalen fertig gestellt wurde eiligst nach Strasbourg umgeleitet, was die konservative Bürgermeisterin, welche mit der subversiven Seite Ungerers ebenfalls wenig anfangen konnte nicht gerade amüsierte.
Abgeschirmt von all den ästhetischen, moralischen und religiösen Wirren konnte Vanderkurth als bekennender Agnostiker im überwiegend katholischen Aitrach heimlich mit der notwendigen Ruhe Tomis Meisterwerk in seinem Auftrag fertig stellen. Auf dem Gelände wo der verrückte Betonwürfel entstand befand sich ein Froschtümpel in dem Vanderkurth nach getaner Arbeit konspirativ ein Runde mit den Fröschen um die Wette schwamm. Tomi wäre begeistert gewesen!
Der Schwertransport von Oberschwaben nach Plochingen ging ohne Zwischenfälle über die Bühne.

Schon vor der Eröffnung des Pinkeltempels konnte man an Plochingens Stammtischen oft den Satz hören: „die Schlaglöcher in den Straßen können sie nicht flicken, aber für so einen Scheiß haben sie wieder Geld!“. Bei der feierlichen Eröffnung, inzwischen ist es Ende 2007 geworden brachte der örtliche Musikverein vor zahlreichen Schaulustigen Tomis Lieblingslied „die Gedanken sind frei“ zur Aufführung.
Die freiwillige Feuerwehr durfte das pinkfarbene Tuch, mit dem die „les toilettes“, wie es auf elsäßisch heißt andächtig hochziehen.
Nach einer brillianten Rede Tomis ging es schnurstracks in die Kneipe.
vanderkurth 2026

